Beitragsbild Scenario-based Design

Case Study: Scenario-based Design beim dritten iTE SI Practice Day

Was als einmalige Aktion begann, ist mittlerweile zu einer Institution geworden: Bereits zum dritten Mal haben wir im Rahmen eines iTE SI Practice Days unseren Methodenkasten erweitert. Dabei haben wir uns in einem vom Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Usability moderierten Workshop intensiv mit menschenzentrierter KI auseinandergesetzt. Praxisnah haben wir die Methode des Scenario-based Design auf Anwendungsfälle des IIoT angewendet.

Zeit für uns: der iTE SI Practice Day

Eine gemein­same Auszeit von allen Projekten und Themen – das ist der iTE SI Practice Day. Regel­mäßig nehmen wir uns einen Tag lang bewusst Zeit, um Themen zu bearbeiten, die uns als Organi­sa­tion und Team wichtig sind. Losge­löst vom Tages­ge­schäft steht die Weiter­ent­wick­lung von uns als Unter­nehmen im Vordergrund.

Wie der Name „Practice Day“ vermuten lässt, geht es an diesen Tagen sehr praktisch zu: durch Auspro­bieren und Anwenden von Erlerntem ist es das Ziel, erste Ergeb­nisse inner­halb weniger Stunden zu erarbeiten. In inter­dis­zi­pli­nären Teams werden jeweils unter­schied­liche Themen­stel­lungen bearbeitet und neue Methoden kennen­ge­lernt, die wiederum unseren Projekten und Prozessen zugutekommen.

Dieses Mal stand der Tag im Zeichen der KI. Ein beson­derer Fokus lag auf der Frage, wie der Mensch in den Entwick­lungs­pro­zess einer KI-Lösung mitein­be­zogen werden kann.

Eine Vorstel­lung und Einord­nung des Themas „Mensch­zen­trierte KI“ erhielten wir von Manuel Kulzer vom Kompe­tenz­zen­trum Usabi­lity 4.0, der als Moderator auch durch den Workshop leitete. Mitge­bracht hatte er verschie­dene Methoden, um während des Entwick­lungs­pro­zesses die Bedürf­nisse der Anwender nie aus den Augen zu verlieren.

Der Mensch im Fokus: Human Centered AI

In human-centered design, the idea is to build things that aren‘t just advanced but also readily acceptable. 

MacDo­nald et al. (2020)

Vor allem im Kontext unserer IIoT Building Blocks beschäf­tigen wir uns bereits intensiv mit KI. Verschie­dene prakti­sche Projekte haben wir schon umgesetzt, um sowohl die Möglich­keiten von KI kennen­zu­lernen als auch deren Nutzen erlebbar zu machen. Denn in einem großen Teil bestehender Anwen­dungs­fällen liegt der Fokus auf dem Einsatz von KI als Techno­logie und dem „Wie“ der Lösung ohne das „Wozu“ mit den am Prozess betei­ligten Personen abgestimmt zu haben. Hier setzt das Konzept der Human Centered AI an. Es stellt im Gegen­satz dazu den Menschen mit seinen Eigen­schaften, Bedürf­nissen und Verhal­tens­weisen in den Mittelpunkt.

Grafik beschreibt den Prozess der menschenzentrierten Gestaltung
Der Human-Centered AI Prozess

Mit dem Blick auf mensch­zen­trierte KI wird bei der Entwick­lung einer KI-Lösung von Beginn an Wert darauf­ge­legt, dass Mensch und Maschine erfolg­reich und wunsch­gemäß zusam­men­ar­beiten können. Im Rahmen der menschen­zen­trierten Gestal­tung gibt es verschie­dene Methoden, die mittels itera­tiver Prozesse in den verschie­denen Phasen unter­stützen, z.B. den Nutzungs­kon­text zu verstehen, Ideen zu sammeln und umzusetzen oder Feedback einzuholen.

Während wir bei der Entwick­lung der IIoT Building Blocks ebenfalls auf eine mensch­zen­trierte Vorge­hens­weise bauen, kann gleich­zeitig auch für die Lösungs­ent­wick­lung und deren Imple­men­tie­rung auf geeig­nete Methoden zurück­ge­griffen werden. Eine Methode, die durch die Konzep­tions- und Umset­zungs­phase leitet, ist das Scenario-based Design.

In vier Szena­rien zum ersten Entwurf: das Scenario- based Design

Die Methode des Scenario-based Designs setzt auf die schritt­weise Entwick­lung vom Problem zur Lösung auf Basis von Geschichten. Dabei werden die Handlungen und Gefühle aus Sicht des Anwen­ders möglichst genau beschrieben, um über die Beschrei­bung verschie­dener, aufein­ander aufbau­enden Szena­rien zu ersten Inter­face-Entwürfen zu kommen. Im Gegen­satz zu anderen UX-Methoden wird dabei eine „ideale“ Lösung schon früh im Prozess festge­legt. Alle Szena­rien werden in Textform ausfor­mu­liert, um die Situa­tion für alle Betei­ligten möglichst greifbar zu machen.

Anhand der vier folgenden Ausbau­stufen von Szena­rien, wurden am iTE SI Practice Day zwei Problem­stel­lungen aus dem indus­tri­ellen Produk­ti­ons­um­feld bearbeitet und Lösungen entwickelt:

  • Problem­sze­nario: Beschrei­bung des Anwen­ders, seines Problems und der Auswir­kungen sowie der einzelnen Schritte, die er im Prozess durch­laufen muss
  • Aktivi­täts­sze­nario:  Beschrei­bung der konkreten Schritte mit dem zukünf­tigen, idealen System und den Empfin­dungen des Nutzers
  • Infor­ma­ti­ons­sze­nario: Beschrei­bung der im jewei­ligen Schritt notwen­digen Infor­ma­tionen sowie deren Form
  • Inter­ak­ti­on­s­ze­nario: Beschrei­bung der konkreten Aktionen, die der Nutzer in den einzelnen Schritten vornehmen muss

Mit diesen Szena­rien als Grund­lage konnten in einer nächsten Phase erste Entwürfe als Prototyp entwi­ckelt werden. In der anschlie­ßenden Präsen­ta­tion wurden diese den anderen Gruppen vorgestellt.

Usabi­lity bewerten: die heuris­ti­sche Evaluation 

In einem letzten Schritt ging es in die Phase des Testens und des Einho­lens von Feedback. Auch hierfür wurde eine UX-Methode angewendet: Die heuris­ti­sche Evalua­tion ermög­licht es, die Gebrauchs­taug­lich­keit eines Systems oder Produkts zu bewerten. Heuris­tiken sind vorge­ge­bene Daumen­re­geln, die dabei helfen schnell und zielsi­cher Entschei­dungen zu treffen, jedoch sind sie keine festge­legten Prinzi­pien und müssen entspre­chend nicht zwingend zutreffen. Als Klassiker im Bereich der Usabi­lity haben sich die10 Heuris­tiken von Jacob Nielsen bewährt.

Diese wurden auch der Evalua­tion der am Practice Day entstan­denen Ergeb­nisse zugrunde gelegt. In der prakti­schen Anwen­dung mussten sich die von den Gruppen ausge­dachten Lösungen in der Analyse einer jeweils anderen Gruppe beweisen. Dabei wurde durch die wachen Augen der Teams zahlreiche Verbes­se­rungen in verschie­denen Schwe­re­graden entdeckt. 

Ein eindrück­li­cher Tag: unsere Learnings

Wie immer war der Practice Day ein lehrrei­cher Tag, der wie im Flug verging und dank der prakti­schen Anwen­dung neuer Methode auch sehr eindrücklich.

Welche Erkennt­nisse nehmen wir aus diesem Tag mit?

  • Wir sind Fans von menschen­zen­trierter KI, denn der Ansatz deckt sich mit unserer Heran­ge­hens­weise an Software­pro­jekte – egal ob mit oder ohne KI.
  • Wir kennen und können weitere Methoden, die uns in unserem Werkzeug­kasten für laufende sowie zukünf­tige Projekten zur Verfü­gung stehen.
  • Geschichten verbinden und schaffen durch eine inten­sive und bewusste Ausein­an­der­set­zung mit dem Sachver­halt ein tiefes gemein­sames Verständnis, weshalb wir gerne wieder mit dem Scenario-based Design arbeiten werden.
  • Es braucht nicht viel Zeit, um erste greif­bare Ergeb­nisse zu erstellen – zumin­dest mit so einem motivierten und engagierten Team.